08 June 2016

Slow Motion bis zum Brexit

Ein möglicher Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) schwebt seit den Parlamentswahlen in Großbritannien unter dem Stichwort „Brexit“ wie ein Damoklesschwert über der EU. Für den 23. Juni 2016 ist ein Referendum geplant.

Geschichte

Es gab bereits ein Referendum im Jahre 1975, kurz nachdem Großbritannien der EU (damals noch „Common Market“) beigetreten ist. Damals wurde für den Verbleib in der EU gestimmt. Seitdem haben viele Stimmen in der Öffentlichkeit und in der Politik eine erneute Abstimmung gefordert, da sich die EU in den letzten 40 Jahren aufgrund des Beitritts neuer Länder und der gestärkten Rechte sehr verändert habe.

Rechtliche Grundlage

Mit Art. 50 EUV hält das europäische Primärrecht eine Regelung bereit, nach der jeder Mitgliedsstaat im Einklang mit seinen verfassungsrechtlichen Vorschriften beschließen kann, aus der Europäischen Union auszutreten. Dabei schränkt Art. 50 EUV den austrittswilligen EU-Mitgliedsstaat nicht materiell-rechtlich ein, insbesondere muss der Mitgliedsstaat seine Entscheidung nicht in irgendeiner Weise rechtfertigen. Nach dem Austritt aus der Europäischen Union ist der frühere Mitgliedstaat im Verhältnis zur Europäischen Union und ihren verbleibenden Mitgliedstaaten wieder ein Drittstaat.

London als wichtiges Finanzzentrum und beliebteste Stadt für Immobilieninvestitionen

London ist bisher das mit Abstand wichtigste Finanzzentrum Europas. Im Herbst 2015, nach dem Wahlsieg von Premierminister David Cameron, hat London sogar New York hinter sich gelassen (Index der Z/Yen Group). Eine gemeinsame Umfrage durch die Immobilienagenturen Cluttons und YouGov von insgesamt 127 vermögenden Anlegern ergab, dass von 196 Standorten weltweit London die beliebteste Stadt für Investitionen in Immobilien ist – gefolgt von New York und Singapur. Aber die prosperierende Geldmetropole würde unter dem Brexit leiden, erwartet nicht nur der Munich-Re-Chef von Bomhard: In London werden Finanzgeschäfte für die gesamte EU abgeschlossen, viele davon dürften sich im Falle eines Brexits zu anderen Finanzzentren innerhalb der EU verlagern.

Folgen für die Immobilienwirtschaft

Eine Studie des Immobilieninformationsdienstes Geophy beobachtete vor allem, wie internationale Firmen auf einen Brexit reagieren könnten. Darunter sind viele Banken und Finanzdienstleister, die bislang mit großen Büros in London vertreten sind. Möglicherweise könnten ausländische Unternehmen bis zu 200.000 Arbeitskräfte aus der Themsestadt abziehen, was mehr Bürofläche und tausende Wohnungen und Häuser wieder auf den Markt bringen würde. Diese Ergebnisse decken sich mit einer Studie der Bertelsmann-Stiftung. Demnach planen rund 30 % der in Großbritannien tätigen deutschen Firmen, im Falle eines Brexit einen Teil ihrer Mitarbeiter oder sogar ihr gesamtes Geschäft zu verlagern. Die Folge des Angebotsschocks wäre ein dramatischer Preisrückgang am Londoner Immobilienmarkt. Dieser macht sich teilweise bereits jetzt bemerkbar: Stiegen die Preise 2015 im Schnitt noch um 8 %, wird dieses Jahr nur noch mit einem Plus von 5 % und 2017 von 2 % gerechnet (Institute of Directors (IoD) und der Herstellervereinigung EEF). Dabei wird in einigen besonders betroffenen Teilen der Londoner City sogar mit einem Preiseinbruch von bis zu 35 % gerechnet. 

Verhalten in der Schwebe

Hinsichtlich der Immobilieninvestitionstätigkeit in Europa in der „Schwebezeit“ bis zum Referendum über die EU-Mitgliedschaft im Juni macht sich nach Analysen der PropertyEU in den letzten Wochen ein Trend bemerkbar: Eine unmittelbare Verlangsamung der Investitionen in Großbritannien aufgrund der großen Unsicherheit. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert für das globale Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr 2016 nur noch ein Wachstum von 3,2 %. Investoren und Anleger, die weiterhin Transaktionen durchführen, streben nach mehr Schutz bei vertraglichen Verhandlungen, z. B. durch eine opt-out-Klausel. Insgesamt zeichnet sich deutlich eine Vorsicht vor Bekanntgabe des Ergebnisses der Brexit Abstimmung ab. Zwar ist Großbritannien der größte Markt Europas (Richard Divall, Colliers International), dennoch zeigt sich – basierend auf den Daten der Deals im Januar 2016 –  ein höheres Investitionsvolumen in Kontinentaleuropa. 

Head-to-head

Die Spannung steigt. Derzeit liefern sich Befürworter und Gegner des Brexit ein politisches Kopf-an-Kopf rennen. Dabei wäre ein Brexit nicht nur ein europapolitischer, sondern auch ein wirtschaftlicher Wendepunkt. Auf einen EU-Austritt würden mit hoher Wahrscheinlichkeit langwierige Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU über eine Neuordnung der Beziehungen folgen. Die Unsicherheit wird eine eine entsprechende Auswirkung auf die Märkte zur Folge haben. Wirtschaftlich gesehen dürfte der Ausstieg demnach für beide Seiten nachteilig werden: Es werde weder auf der Befürworter- noch auf der Gegnerseite einen echten Gewinner geben. 

Mehr Informationen und rund um die möglichen Folgen des Brexit finden Sie im KWM Brexit Hub.

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